"Gott macht sich klein."
Liebe Gemeindeglieder.
Eine Mutter streicht ihrem 16 Jährigen in der
Straßenbahn kurz vor dem Aussteigen zärtlich
übers Haar. Zischend erhält sie die Reaktion:
"Mutter! Das ist peinlich! Ich bin doch kein kleines
Kind mehr!" Mündige Menschen wehren
sich mit Recht, wenn man sie wie kleine Kinder
behandelt.
Wir stöhnen unter Arbeitsbedingungen
"wie im Kindergarten", wenn wir mit
unserer Kompetenz nicht ernst genommen werden.
Einer bestimmt, die anderen folgen im
Gänsemarsch. Nur weil man alt ist, muss man sich noch lange nicht wie
ein Entmündigter bevormunden lassen.
Nicht wenige leiden darunter,
dass man sie klein macht, ihrer Würde und Rechte beraubt.
Menschen
haben Minderwertigkeitsgefühle. Sie bedrückt, dass sie nicht mithalten
können, körperlich, intellektuell oder finanziell. Mancher meint dies mit
Großspurigkeit überspielen zu müssen, sie treten nach unten.
Kleine wünschen
sich auch mal groß zu sein. Die Letzten möchten auch mal die Ersten
sein, und das nicht nur in der Kinderwelt.
In den kommenden Wochen begegnet uns immer wieder eine Botschaft:
"Gott macht sich klein." Freiwillig, aus Liebe, aus Solidarität zu uns. Der
Gott, von dem die Bibel sagt, dass die Erde ihm eine Art Fußbänkchen ist,
liefert sich als kleines Kind dieser Welt aus. Dem Glauben der Menschen,
aber auch ihrer Verachtung. Jesus wird in Bethlehem, einem kleinen Nest
geboren. Jesus stellt sich später zu jenen, die im Jordanfluss symbolisch
ihre Schuld abwaschen, sich taufen lassen. Daran denken wir am
Epiphaniastag. Dabei ist er als Sohn Gottes, ohne jede Schuld, tatsächlich
etwas Besseres.
Aber er lässt es keinen spüren. Es ist nicht weit von
der weihnachtlichen Krippe zu jenem Ort, an dem man Gott aufs Kreuz
legt. Und doch leuchtet in all diesen Erniedrigungen Gottes seine einzigartige
Größe auf, in seiner Menschlichkeit alle göttliche Würde.
Aber den kleinen Gott, wer will den schon? Den meisten wäre der Geist
aus der Flasche doch lieber, der sich aufplustert, die Muskeln spielen lässt
und unsere Wünsche erfüllt. Passt er uns nicht mehr, wird er in der Flasche
zugekorkt.
Dennoch, als Kind habe ich mich gefreut, wenn ein Erwachsener
sich für mich klein gemacht hat, so dass ich auch etwas sehen
oder auf seinen Rücken klettern konnte.
Ein Zeichen der Achtung und
Beachtung.
Gott macht sich für uns Menschenkinder klein. So können wir
ihn begreifen, so lerne ich meine wahre, gottgeschenkte Größe zu schätzen
und mich für die Kleinen dieser Welt einzusetzen.
Ihr Pfarrer Karl Albani |